Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte
von Roy Jacobsen
Osburg Verlag 2011
Inhalt/Klappentext: Norwegen 1961 – Finn ist 10 Jahre alt und wächst
in einer schmucklosen Vorstadt von Oslo auf. Er ist schmächtig, aber
vielleicht der klügste Junge seiner Klasse. Von seinem Vater weiß er
nur, dass er bei einem Unfall ums Leben kam. Seiner Mutter aber führt
ihn sicher durchs Leben. Bis die beiden eines Tages einen rätselhaften
Untermieter aufnehmen und bald darauf auch Finns Halbschwester Linda.
Die sechsjährige ist die Tochter seines toten Vaters und einer
drogensüchtige Mutter. Ihr Gepäck: ein himmelblauer Koffer und jede
Menge emotionaler Sprengstoff. Das dicke, unscheinbare Mädchen wird
Finns Leben bald für immer verändern.
Dieser aus der Sicht des
Jungen erzählte Roman des norwegischen Autors Roy Jacobsen überzeugt in
der Konsequenz der sprachlichen und erzählerischen Perspektive des
zehnjährigen Finn, der sich den Veränderungen in seinem Leben stellt.
Die zunächst mit kindlichem Unverständnis wahrgenommenen Brüche seines
gewohnten Alltags ändern Finns Horizont bis hin zu einem reifenden, ihn
zunächst überraschenden, Verantwortungsbewusstsein für seine kleine
Schwester Linda und einer sich öffnenden Beobachtung seines Umfeldes.
Doch nicht nur der Wachstumsprozess des Jungen wird vom Autor
beschrieben, er gibt auch einen sehr guten Einblick in das Leben Stadt
Oslo Anfang der 1960er Jahre und in das sich verändernde (Selbst-)Bild
der berufstätigen, alleinerziehenden Mutter.
Im gleichen Ort und
zur gleichen Zeit spielt auch der Roman von Lars Saadbye Christensen:
„Die blaue Kuppel der Erinnerung“ (btb 2011), auf den ich gern
aufmerksam machen möchte. Ein Autor fällt in Paris von einer Bühne und
im Augenblick des Fallens erinnert er sich an die Ereignisse, die ihn
dazu brachten, Schriftsteller zu werden.
Beide Roman können in
der Tradition des Entwicklungsromans gesehen werden, und sie zeichnen
sich durch eine humorvolle, teils lakonische Sprache aus, die das Thema
der Adoleszenz eindrucksvoll darstellt.
3/2011
